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ESSSTÖRUNGEN
• Essen - ein sinnlicher Genuss?!
Normalerweise wird die Nahrungsaufnahme durch Körpersignale wie Hunger
oder Durst gesteuert. Essen und Trinken ist mit einem Gefühl von Genuss,
Zufriedenheit und auch Geborgenheit verbunden. Wird der Alltag bestimmt
von der zwanghaften Beschäftigung mit dem Thema Essen oder Gewicht und
das Essen missbraucht zur Regulierung von Konflikten, liegt eine
Essstörung vor. Gestörtes Essverhalten ist - trotz großem Leidensdruck
- häufig ein Selbstheilungsversuch, der dazu dient, mit Anforderungen,
Problemen und Belastungen im Leben besser zurechtzukommen. Häufig hat es
die Funktion der Entlastung und Entspannung, der Betonung der eigenen
Autonomie oder der Rebellion gegen widersprüchliche Rollenbilder.
Auffallend ist der hohe Anteil (bis zu 90%) von betroffenen Mädchen
und Frauen, der prozentuale Anteil der Männer ist in den
letzten Jahren von 2% auf 10% gestiegen.
Verschiedene Ursachen werden dafür vermutet:
- innerseelische Konflikte aufgrund der individuellen
Lebensgeschichte (Mangel, Vernachlässigung, Gewalt)
-
rigide weibliche Schlankheits- und Schönheitsideale in den Medien
- unterschiedliche Sozialisation von Mädchen und Jungen (mehr
Anpassung und Aggressionshemmung bei Mädchen)
- sich verändernde familiäre und gesellschaftliche Strukturen
Essstörungen sind schwierig statistisch zu erfassen, da sie aus
Schuld- oder Schamgefühlen oft verschwiegen werden. Nach neuesten
Schätzungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind
in Deutschland etwa 100.000 Frauen und Mädchen magersüchtig und 600.000
an Bulimie erkrankt. 20% der weiblichen Bevölkerung leiden an
Übergewicht und 3-4% an Binge-Eating / Iatenter Esssucht.
Grundsätzlich sind die Erscheinungsformen der Essstörungen nicht
eindeutig voneinander abgrenzbar. Die Übergänge können fließend sein,
d.h. eine Essstörung kann in eine andere übergehen.
Definitionen
Esssucht oder Überessen mit Übergewicht
Von Esssucht oder Binge-Eating-Störung (binge = schlingen) wird dann
gesprochen, wenn das Normalgewicht ohne eine organische Erkrankung um 20%
überschritten wird (BMI (=Body Mass Index) über 30).
Diagnosekriterien für Esssucht mit Übergewicht ICD-105:
- wiederholte Episoden von Essanfällen („Heißhungerattacken"),
mind. 2 pro Woche über 6 Monate
- innerhalb einer kurzen Zeitspanne werden große Nahrungsmengen
verzehrt
- Kontrollverlust, was oder wie viel gegessen wird
Die Essanfälle gehen mit folgenden Merkmalen einher:
- übermäßiges schnelles Essen oder Schlingen ohne körperliches
Hungergefühl
- Essen großer Nahrungsmengen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl
- Essanfälle finden heimlich statt, oft als Reaktion auf belastende
Erlebnisse
- Schuld- und Schamgefühle nach dem Essen
- die Essanfälle werden nicht ungeschehen gemacht durch Sport oder
Erbrechen
Bei der latenten Esssucht wird das „normale" Gewicht nur
durch ein strenges, oft jahrelanges Kontrollsystem gehalten, was den
Einstieg in eine andere Essstörung begünstigt.
Diagnosekriterien für latente Esssucht::
- große Gewichtsschwankungen innerhalb kurzer Zeit, z.B. 5 kg in 2
Wochen/Jojo-Effekt
- Wechsel zwischen Diät und Essanfällen
- panische Angst vor Gewichtszunahme
- fehlendes Vertrauen in die Wahrnehmung der eigenen Körpersignale
und -bedürfnisse
- Unvermögen, Hunger spontan zu befriedigen und Essen
entspannt zu genießen.
Die psychischen und psychosomatischen Langzeitfolgen
(besonders bei Übergewicht):
- Überlastung des Herz-Kreislauf-Systems und des
Skeletts, was zu Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes,
Gallensteinen, Leberschäden, Gelenk- und Wirbelsäulenschäden und
Magen-Darm-
Erkrankungen führen kann
- Angststörungen, Phobien, Depressionen,
Suizidalität, Beziehungsstörungen
Bulimie (Bulimia nervosa) oder Ess-Brech-Sucht
Diagnose ICD-10:
- mindestens 2 Essattacken pro Woche über 2 Monate
mit meist großen Mengen kalorienreicher Nahrungsmittel
- Gefühl, das Essverhalten während der Anfälle
nicht kontrollieren zu können
- selbstinduziertes Erbrechen und/oder
Abführmittel und/oder strenges Fasten und/oderübermäßiger Sport
und/oder Appetitzügler, Diuretika, Schilddrüsenpräparate
- zwanghafte Beschäftigung mit Essen, Gewicht oder
Figur
- panische Angst vor Gewichtszunahme, niedrige
persönliche Gewichtsgrenze, oft früher Anorexie
Psychosomatische und psychische Langzeitfolgen:
- Schwellung der Speicheldrüsen, Zahnverfall,
Verletzung der Speiseröhre, Heiserkeit, Magenwandperforation,
Menstruationsstörungen, chronische Verstopfung, Schlafstörungen,
Wassereinlagerung in den Gelenken, Elektrolytverschiebungen (Kalium-,
Magnesiummangel) können zu Tetanie, epileptischen Anfällen,
Nierenschäden, Herzrhythmusstörungen und Herzversagen führen
- Depressionen, Angststörungen, Psychosen
Magersucht, Anorexia nervosa
Diagnose ICD-10:
- Gewichtsverlust von 20% vom Ausgangsgewicht
innerhalb kurzer Zeit (ca. 3-4 Monate) ist selbst herbeigeführt durch kontrollierte und eingeschränkte
Nahrungszufuhr, übertriebene körperliche Aktivität und/oder Erbrechen und/oder Abführmittel
- extrem zwanghafte ständige Beschäftigung mit
Nahrung und Gewicht
- Perfektionismus, Hyperaktivität
- extreme Angst vor Gewichtszunahme
- Körperschema-Störung (fühlen sich auch bei Untergewicht zu dick)
Alle Formen von Essstörungen sind psychische Erkrankungen, die im
langfristigen Verlauf einen Suchtcharakter mit psychosomatischen
Langzeitfolgen annehmen.
Bei Menschen mit einer Essstörung kann es zu einer Suchtverlagerung auf
Alkohol, Medikamente oder Drogen kommen. Umgekehrt kann die Esssucht
durch Suchtverschiebung entstehen. Essstörungen beginnen immer früher.
Beziehung zum eigenen Körper
Essgestörte Menschen haben körperbezogene Wahrnehmungsstörungen. Sie
erleben ihren Körper als nicht zu ihnen gehörig, als „Fremdkörper".
Sie lehnen ihn ab und gehen oft selbst zerstörerisch mit ihm um. Meist
spüren sie sich nicht und können Körperempfindungen,
Sinneswahrnehmungen und Gefühle nicht differenzieren.
- Körpersignale wie Hunger oder Sättigung werden nicht wahrgenommen
- Kälte- und Wärmeempfinden sind herabgesetzt
- körperliches Wohlbefinden wird nicht empfunden
- es fehlen Freude und Genuss, besonders beim Essen
- Berührungen durch andere oder sich selber werden vermieden
- Sinnlichkeit, Lust oder Sexualität sind angstbesetzt
- sich selbst etwas Gutes tun ist fast unmöglich
Therapeutische Aspekte
In meiner 20-jährigen Tätigkeit als
Körperpsychotherapeutin mit essgestörten Menschen ist mir ein
ganzheitlicher Ansatz zur Veränderung wichtig. Ganzheitlich bedeutet für
mich, den Körper mit einzubeziehen.
Die Analytikerin Alice Miller beschäftigt sich in ihrem neuen Buch „Die
Revolte des Körpers" mit der Rolle des Körpers bei unbewältigten
Kindheitstraumata. „Der Körper ist der Hüter unserer Wahrheit, weil er
die Erfahrung unseres ganzen Lebens in sich trägt und dafür sorgt, dass
wir mit der Wahrheit unseres Organismus leben können. Er zwingt uns mit
Hilfe der Symptome, diese Wahrheit auch in unserem Bewusstsein zuzulassen,
damit wir in Harmonie mit dem in uns lebendigen, einst missachteten und
gedemütigten Kind kommunizieren können."
Ziel meiner therapeutischen Arbeit ist es, dass meine Klientinnen die
Fähigkeit entwickeln, sich in ihrem Körper wohl zu fühlen, Gefühle und
Bedürfnisse angemessen auszudrücken und offene und lebendige Beziehungen
herzustellen.
Die Veränderungen finden also hauptsächlich auf drei Ebenen statt:
Körperebene:
Zum Selbstbewusstsein gehört ein intaktes Körperbild. Wenn es nicht
vorhanden ist, ist auch das eigene Lebensbild unklar. „Wer bin ich, wenn
ich schlank bin? Wer bin ich, wenn ich dick bin?"
- durch bewusste Koordination von Atemrhythmus, Bewegung und
Muskeltonus entwickelt sich das eigene Körperbild
- durch Körperwahrnehmungstraining werden Körperempfindungen wie
warm/kalt, schwer/leicht, fließend/starr etc. allmählich wieder
deutlicher wahrgenommen
- Hunger- und Sättigungsgefühle werden wieder wahrgenommen (Skala
0-10 ist hilfreich)
- ein stabilerer Kontakt zum Boden wird hergestellt: wie stehe ich im
Leben?
- Sinneswahrnehmungen verfeinern sich
- durch Aufmerksamkeit auf die Verbindung einzelner Körperteile
entwickelt sich ein ganzheitliches Körpergefühl
- durch die Arbeit an den Körpergrenzen öffnet sich der eigene
innere Raum
- durch energetische Arbeit vertieft sich die Atmung
- Freude und Genuss beim Essen werden wieder erlebt
- ein fürsorglicherer Umgang mit sich selber wird gepflegt
- ein Gefühl von Lebendigsein stellt sich ein
Emotionale Ebene:
- Gefühle werden durch Aufgabe der Kontrolle allmählich ausgehalten
und auch ausgedrückt
- Konflikte und Probleme werden Schritt für Schritt ohne Essen
bewältigt
- Bedürfnisse werden geäußert
- die Erfahrung von Vertrauen bewirkt eine Verringerung der
Lebensangst
Beziehungsebene:
- leichteres Öffnen oder Abgrenzen im Kontakt wird möglich
- durch Arbeit an den Kontaktkanälen Augen/Hände/Stimme werden
tiefere Beziehungen aufgebaut
Berührungen können als wohltuend erlebt werden: Berührungen in der
frühen Kindheit sind prägend und erzeugen das intakte Körperbild,
fehlende Berührungen führen zu einer Fehlfunktion der Hirnregion, die
sensorische Signale verarbeitet
Seit 1985 ist ein Hauptaspekt meiner Tätigkeit die Arbeit mit essgestörten Menschen.
Ich biete Einzel- und Gruppensitzungen an, Beratung für Angehörige, Supervision, und leite fortlaufende Gruppen und Workshops für essgestörte Frauen und Männer.
Seit vielen Jahren bin ich an diversen Veranstaltungen und Projekten zum Thema
Essstörungen beteiligt und halte darüber Vorträge.
Zur Zeit Mitarbeit an einem Theaterstück für Jugendliche an Schulen.
Literatur/Bemerkungen:
M. Caspers-Merk, „Frauen und Sucht", in:
M. Caspers-Merk, Drogenbeauftragte der Bundesregierung (Hg.), „Frauen
und Sucht. Dokumentation des BundesFrauenKongresses Sucht
.Ungeschminkt'", Berlin 2002, S. 16
Pressemitteilung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
vom 23.10.2000
ICD = Internationale Klassifikation von Krankheiten
und psychischen Störungen durch die WHO. Hier zitiert aus: Bundeszentrale
für gesundheitliche Aufklärung,
„Ess-Störungen. Arbeit mit Selbsthilfegruppen - Ein Praxishandbuch für
Gruppenmoderatorinnen", Köln 2001, S. 22. Esssucht wurde erst 1996 als psychische Störung mit eigenem
Krankheitsbild in die Klassifikation aufgenommen,
ebd., S. 24
A. Miller, „Die Revolte
des Körpers", Frankfurt a. M. 2004, Klappentext
M.
Steinmetz/U. Henschel, „Das Verengen nach Berührung" in: GEO,
„Berührung. Tasten - Erfahren - Begreifen: Wie Körperkontakt den
Menschen prägt" 6/04, S. 114-140
Angela
Johann-Gedrat
Körperpsychotherapeutin (HPG)
Heilpraktikerin
Supervisorin
Joseph-Belli-Weg 1
D - 78467 Konstanz
Tel. 075 31 / 95 50 86
johann-gedrat@web.de |